Schritt 7

Das Oratorium von Fraccia

Vor langer Zeit kam ein Auswanderer zu Fuss aus Rom zurück. Dort hatte er mit seiner Arbeit ein hübsches Sümmchen verdient. Auf halbem Weg wurde er von Räubern überfallen. Sie stahlen ihm alles. Sein Leben konnte er zum Glück retten.

Er entschied sich, nach Rom zurückzukehren und sein Glück erneut zu versuchen. Unterwegs sah er zwei Männer, die etwas in einem Loch neben einer Mauer versteckten. Er wartete, bis sie weg waren. Dann ging er sehr vorsichtig dorthin. Er wollte herausfinden, was die beiden versteckt hatten.

Was für ein Wunder! Der Mann fand nicht nur sein ganzes Geld wieder, das die Räuber ihm gestohlen hatten, sondern noch viel mehr. Jetzt war er reich. Und er beschloss, in sein Dorf Fraccia zurückzukehren.

Unterwegs kamen ihm Zweifel: „Kann ich dieses ganze Geld behalten?“

Um sein Gewissen zu beruhigen, holte er sich Rat bei einem Pfarrer. Dieser antwortete ihm, dass er das gefundene Geld sehr wohl behalten könne. Denn er sei einer grossen Gefahr ausgesetzt gewesen. Aber nur unter einer Bedingung: Er musste der ersten Kirche, die er auf seinem Weg antreffen würde, eine schöne Spende machen.

Glücklich über den Rat, setzte er seine Reise fort. Jedes Mal, wenn er in der Ferne einen Glockenturm sah, schloss er halb die Augen, um die dazugehörige Kirche nicht zu sehen. Auf diese Weise erreichte er glücklich die Brücke von Tenero. Dort nahm er den Weg, der zu seinem Dorf führte.

Zuhause in Fraccia beschloss er, genau bei der Kapelle der wundertätigen Muttergottes, ein Oratorium bauen zu lassen.

 

Sage aus Contra
Mondada Giuseppe, Tenero-Contra, Locarno, 1988. Text an Sagenweg angepasst.

 
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Sage aus Vogorno
Plinio Savi, Le grucce alla “Coletta”. In: AA.VV., Il Meraviglioso. Leggende, fiabe e favole ticinesi, vol.1, Dadò ed., Locarno, 1990. pp.125-127. Text an Sagenweg angepasst. Irene Briner (Stimme), Andrea Pedrazzini (Aufnahme)

 

Schritt 7

Die Krücken und das Walnussöl

Vor vielen Jahren lebte in einem Dorf im unteren Tal ein Mann. Der hatte schwere Probleme mit den Beinen und konnte nur an Krücken gehen. Er hatte einen eher schwierigen Charakter und war dazu auch noch geizig. Von seinen ausgewanderten Verwandten erhielt er regelmässig Geld. Er machte ein Loch in die Wand seines Zimmers, und bewahrte das Geld darin auf.

Im Laufe der Jahre hatte er sämtliche Ärzte in der Region konsultiert. Auch alle Arten von Behandlungen probierte er aus. Nichts hatte geholfen. Er beschloss daher, zur Muttergottes in der Kapelle von Coletta zu pilgern und sie um ein Wunder zu bitten. Und falls die Muttergottes ihn heilte, würde er ihr eine Bränte voller Walnussöl schenken; als Brennstoff für die Lampe in der Kapelle.

Am nächsten Tag, früh am Morgen, machten sich der Mann und ein Junge mit der Bränte voller Öl auf den Weg zur Kapelle von Coletta.

Unterwegs schloss sich ihnen nach und nach eine kleine Gruppe von Neugierigen an.

Als sie zur Kapelle kamen, liess der Mann seine Krücken auf dem Boden liegen, näherte sich dem Bild der Muttergottes und betete lange Zeit. Plötzlich sahen die Zuschauer ihn hinauslaufen und schreien: «Ich bin geheilt, ich bin geheilt». Glücklich über das Wunder, wollte er sogleich ins Dorf zurückkehren, um zu erzählen, was passiert war. Doch nach ein paar Schritten blieb er stehen, sah die Umstehenden an und sagte: «Jetzt, wo es mir gut geht, nehme ich mein Öl wieder mit!». Alle versuchten, ihn von dieser Idee abzubringen, aber er hörte nicht auf sie: Der Geiz hatte gesiegt!

Er ging zurück in die Kapelle, betrachtete das Bild der Muttergottes und lud sich das Geschenk für die empfangene Gnadengabe auf die Schultern. Doch nach ein paar Schritten kam er ins Wanken, fiel zu Boden und das ganze Öl floss auf den Weg. Der Mann kam nicht mehr auf die Beine, er konnte nie wieder gehen.

Wenn Sie zufällig zur Kapelle von Coletta kommen, schauen Sie sich aufmerksam um, denn man sagt, die Krücken seien immer noch da.

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Die Orte der Legenden

ort: Tenero, Fraccia

Entdecken Sie den ikonographischen Reichtum der Kapellen und Fresken in jedem Dorf des Verzascatals. Der Führer "Passeggiate fra i Santi dipinti" (Spaziergänge zwischen den gemalten Heiligen), geschrieben von Angela Maria Binda Scattini und Chiara Brenna ist in den Geschäften, in einigen Restaurants und im Museum des Verzascatals erhältlich.

 
 
 

Die Krücken und das Wallnuss

ort: Vogorno, Coletta

Das Oratorium "della Coletta" steht am ethnographischen Pfad “Odro”. Info: www.museovalverzasca.ch

 
 

Schritt 7

Die Andacht eines Tales

 
  1. Beginn des Sagenwegs
  2. Die Crusc von Mergoscia
  3. Case Nuove (Cà Nòv)
  4. Hanfbecken (püzz dal cánof)
  5. Aufforstung (piantagiómm)
  6. Beobachten und horchen
  7. Kappelle del Predéll
  8. Prato maggiore (Permaióo)
 

“Früher war das Verzascatal abgeschnitten von der Welt – umgeben von unbezwingbaren Bergen. Eine raue Welt voller Gefahren. Die Menschen kämpften jeden Tag darum, dem Boden das abzutrotzen, was er zum Leben bot. Es ist berührend zu erleben, wie sich die Männer und Frauen trotz ihrem Kampf um das tägliche Brot in Gedanken und mit Werken ihrem religiösen Leben hingebungsvoll widmen konnten. Bei den himmlischen Mächten fanden sie Trost und Hoffnung”. (Angela Maria Binda Scattini, Chiara Brenna, Passeggiate tra i Santi dipinti, Brione Vezasca, Tip. Bassi, Locarno 2011).

 
 
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