Schritt 2

Die Crusc
von Mergoscia

 

Vor langer Zeit lebten in den Höhlen auf den Maiensässen von Mergoscia hässliche, böse Kobolde, die Crusc. Den Leuten, die dort oben wohnten, stahlen sie nachts Milch, Käse und was sie sonst noch fanden. Einmal entführten sie gar ein kleines Mädchen. Das war erst ein paar Monate alt. Die Mutter ging auf Holzsuche und hatte ihr Kind alleine zu Hause gelassen. Das erzählt man sich noch heute.

Damals wohnte in Benitt ein Mann. Eines Tages befahl er seinem Sohn Pietro, die Geissen nach Perbioi zu bringen.

Pietro machte sich auf den Weg. Unterwegs liess er die Geissen grasen. Plötzlich hörte er jemanden seinen Namen rufen. Er blickte auf und sah am Eingang einer Höhle eine magere, hässliche Alte. Sie rief Pietro zu, er solle näher kommen, sie habe viele Haselnüsse für ihn. Also betrat der Junge die Höhle.

Ein grosser Kessel voller Frösche kochte über dem Feuer. Und siehe da: Es war genau der Kessel, den die Crusc einige Tage zuvor auf dem Monte Porchesio gestohlen hatten!

Da wusste Pietro, dass er in grosse Schwierigkeiten geraten war. Und als die Alte ihn bat, ins Feuer zu blasen, weigerte er sich. Die alte Hexe rührte also auch selbst in ihrer Froschsuppe und merkte nicht, dass Pietro hinter ihr stand. Schnell packte er sie und warf sie in den Kessel. Kurz darauf kamen die Crusc in die Höhle. Misstrauisch fragten sie, wo die Alte sei. «Sie schläft hinten in der Höhle», antwortete er. Sie wollten sehen, ob Pietro die Wahrheit gesagt hatte und rannten tief hinein in die Höhle. Sie liessen Pietro alleine zurück. Da gab er Fersengeld und lief so schnell wie er konnte zum Fluss Verzasca.

Am Ufer stand eine junge Frau. Neben ihr im Gras spielte ihr kleines Kind mit Blumen. Atemlos rief Pietro: «Die Crusc sind hinter mir her! Bitte, helfen Sie mir!».

Die Frau legte ein Leintuch über den Fluss. So kam der Junge trocken ans andere Ufer. Kurz darauf erreichten auch die Crusc den Fluss. Die Frau bot ihnen die gleiche Hilfe an. Aber als sie auf dem Leintuch waren, zog sie es zurück; die Crusc fielen in den Fluss und ertranken.  

Pietro hatte alles gesehen. Und er begriff, dass er der Muttergottes und dem Jesuskind begegnet war. Er dankte ihnen, drehte sich um und kehrte zurück nach Hause.

Sage aus Mergoscia Walter Keller, in: AA.VV., Il Meraviglioso. Leggende, fiabe e favole ticinesi, vol. 1, Dadò ed., Locarno, 1990. pp.119-120. Text an Sagenweg angepasst. Anmerkung: Im ganzen Tal sagt man Crüsc außer in Mergoscia, Crusc. Irene Briner (Stimme), Andrea Pedrazzini (Aufnahme)

 
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Die Orte der Legende «Die Crusc von Mergoscia»

Ort: Mergoscia, Perbioi

Andere Informationen und Legenden von Mergoscia: Versch. Autoren, Mergoscia, Repertorio toponomastico ticinese, Centro di Dialettologia e di etnografia, Bellinzona 2018.

 
 

Schritt 2

Ein Wald
voller Leben

 
  1. Beginn des Sagenwegs
  2. Die Crusc von Mergoscia
  3. Case Nuove (Cà Nòv)
  4. Hanfbecken (püzz dal cánof)
  5. Aufforstung (piantagiómm)
  6. Beobachten und horchen
  7. Kappelle del Predéll
  8. Prato maggiore (Permaióo)
 

Eine Art Vorratskammer!

Im Wald besorgte man sich das Notwendige nach den gemeinschaftlichen Regeln. Immer war jemand im Wald, um Brenn- oder Bauholz zu sägen, um Laub, Ästchen und Farn zu sammeln, das als Futter für das Vieh oder als Streu diente. Im Herbst sammelte man die Kastanien, die auch "Brot der Armen" genannt wurden, weil sie für die Bewohner des Verzascatals für das Überleben im Herbst und Winter unverzichtbar waren.

Ein Gemüsegarten im Wald?

Fleißige Hände haben diese monolithischen Felsblöcke in Hängegärten verwandelt. Der obere flache, mit Erde bedeckte und von einer kleinen Mauer umfriedete Teil der Blöcke wurde zu einem Garten, in dem Kartoffeln, Roggen oder Gemüse geschützt vor Ziegen und wilden Tieren angepflanzt wurden.

Ihr seid dran...

Dieser Wald strotzt vor Leben und ist wie ein großes Haus!

Zählt die Baumarten und die Jahresringe der gefällten Baumstämme. Geht um den höchsten Felsbrocken herum: Mitten im Hängegarten ist ein Baum gewachsen: schätzt sein Alter und ihr werdet wissen, wann man mit der Bewirtschaftung aufgehört hat.

 
 
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